#22

Ein letztes Mal ziehe ich mit der Tusche über meine Wimpern und streiche mit einem Lippenstift über meine Lippen, das einzige was ich an mir mag. "Soll ich dich dann zu Lily fahren?", ruft meine Mutter aus dem Wohnzimmer, in dem auch ihr neuer Freund sitzt. Lächeln nicke ich dem Mädchen im Spiegel zu und rufe ein "Ja" nach drüben. Um sicherzugehen, dass Lily schon wach ist, was ich eigentlich um zwanzig vor drei erwarte, rufe ich sie an. Es klingelt und klingelt. In der kurzen Zwischenzeit packe ich meine Tasche und werfe meinen braunen Wollschal über meine Stuhllehne. "Hallo?", meldet sich Lily verschlafen. "Hey, geht es dir besser?", frage ich ein wenig besorgt. "Ja, ja, alles gut. Nur noch Schnupfen und so. Und wie geht's dir?" Ganz dreckig, will ich erst sagen, entschließe mich dann aber doch für: "Gut, gut. Kann ich dann kommen? Wegen deinem Geschenk, und deiner Mütze und Bürste?" "Oh, shit! War das heute? Kannst du nicht morgen oder übermorgen kommen? Ich fahre nachher zu Freunden und bin erst aufgestanden." "Ich komm' erst am Freitag wieder, hatte ich dir doch gesagt." "Tut mir leid, Lea, wirklich. Ich hab das so verpeilt.", versucht sie sich zu entschuldigen. "Hm, ja. Schon okay. Dann nächsten Samstag. Ich ruf' dich dann an. Guten Rutsch!", antworte ich und lege auf. Die Musik ertönt wieder aus meinem Handy und ich schreie "Ich bleib zu Hause! Sie hat's vergessen!" zu meiner Mutter. Sie regt sich mehr darüber auf als ich, denn ich bin es gewohnt, ständig versetzt zu werden. Ich schließe meine Tür, meine Hochstimmung ist wie weggeblasen. Den Schlüssel drehe ich im Loch um, und verschließe das Fenster. Zitternd setze ich auf mein Bett, und lasse die ganze Wut überkochen. Sie vermischt sich mit Enttäuschung und Verzweiflung, meine Selbstbeherrschung verschwindet und wieder einmal gebe ich mir die Schuld für ein geplatztes Treffen. Immer das selbe, immer!, schreit es in mir. Deine Schuld, deine Schuld! Nach einem kurzen Zögern mache ich mein Bein etwas frei. Das nächste was ich sehe ist eine rote Stelle. Vorsichtig setze ich mich an meinen Schreibtisch und hole das versteckte, alte Bild von meinem "Vater" raus. Mir kommen die Tränen, ich verwünsche ihn. Ich zerreiße das Bild und stecke die Schnipsel in den Papierkorb. Ganz nach unten. Er hat es nicht anders verdient. Ich öffne das Fenster, denn die Übelkeit die mich seit dem Morgen plagt, kehrt zurück. Eine Stunde sitze ich nur da, warte auf Marlons versprochenen Anruf und kann nicht aufhören mit dem Weinen und dem Zittern. Die Kälte umhüllt mich und ich schlucke mehrmals kräftig. 2012 kann kommen!


3 Kommentare:

  1. dankeschön, wirklich sehr toll geschrieben, aber auch ganz schön traurig!

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  2. die habe ich letztens endeckt, super musik einfach!
    und ich danke dir, kalea♥

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