Das Lied ist für meine Isabelle und Pia
Verschlafen blinzle ich die Müdigkeit weg und schlage unsanft auf meinen schrillenden Wecker ein. Als er verstummt ist, stehe ich auf und schlurfe in den Flur. Ich streife meine Kleider von mir ab bis auf die Unterwäsche und stelle mich auf die Waage. Die will mich doch verarschen!, denke ich mir und schaue auf die Zahl. Weniger als gestern, mehr als vorgestern. Pampig stelle ich die Waage zurück an ihren Platz und verschwinde im Bad, mache mich fertig. Die Musik läuft und ich trage die letzte Schicht Mascara auf. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass die erste Stunde in fünfzehn Minuten anfängt. Um sicherzugehen, dass wir auch wirklich alle zur zweiten Stunde kommen, rufe ich bei Selen an. Keiner geht ans Telefon. Na geil! Ich wähle Lilys Nummer. "Was ist?", meldet sie sich genervt. "Wo bist du? Zu Hause?", frage ich sie in dem selben genervten Ton. "Nein, ich bin auf dem Weg zur Schule." "Wieso?!" "Wir haben Unterricht!?", schnauzt Lily mich an, als hätte ich ihr etwas getan. "Ja, ist okay. Bis gleich!", knurre ich und lege auf. Wut steigt in mir auf. "Schlampe!" Fluchend suche ich meine Schuhe, ziehe meine Jacke an. Ich vernehme ein Schluchzen, merke, dass ich es bin. Es wird zu einem Weinen, dann zu einem Schreien. Verzweifelt krame ich nach meinem Schlüssel, packe meine Tasche und renne aus der Tür. Ich mache mir nicht die Mühe abzuschließen und haste die Treppen herunter. An solchen Tagen würde ich das Haus am liebsten nicht verlassen, mich nur im Bett verkriechen und erst dann hervorschauen wenn die Sonne untergeht. Der Wind fegt mir gnadenlos um die Ohren während ich in meine Pedalen trete. Die Autos fahren um mich herum, bahnen sich ihren Weg durch die kleine Menge. Vorbei an dem Friedhof, an den vielen Baustellen, an den Hauptstraßen. Vor dem Schultor steige ich ab, versuche meine Finger zu bewegen, sie vom Lenker zu lösen, aber sie sind steif. Dunkelrot und kalt hängen sie an meiner Hand. Nach einem gescheitertem Versuch mein Fahrrad an das Gitter zu schließen renne ich in die Aula. Viel zu spät dran, viel zu spät. Dorian läuft vor mir, und ich verstecke gerade noch rechtzeitig mein Gesicht. Der Kunstraum liegt oben, und so laufen wir die Stufen hoch. Drinnen lasse ich mich auf einen freien Stuhl neben Celia fallen und merke, dass mindestens achtundzwanzig Leute anwesend sind. So viel zum Thema 'Ich komme morgen zur zweiten Stunde'. Niemanden schaue ich an, Celia nimmt meine Hände in ihre, ziehe sie aber sofort weg. Zu warm. Tränen steigen wieder hoch, und auch die unterdrückte Wut brodelt wie ein Vulkan in mir. "Ist alles okay mit dir?", fragen sie alle. Na klar ist alles Okay, ihr redet nie mit mir, sagt mir nie Bescheid wenn irgend etwas ist, lasst mich ja bloß immer aus; aber sonst, alles okay. Ich nicke nur.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen